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Willi Weinert: Eine Gedenktafel konnte vor dem Verschwinden gesichert werden
Auf Initiative des ehemaligen wissenschaftlichen Leiters der Alfred Klahr
Gesellschaft und jetzigen Vorstandsmitglieds Dr. Willi Weinert konnte die
Gedenktafel für drei hingerichtete Widerstandskämpfer, die sich im alten Gebäude
der Österreichischen Staatsdruckerei am Rennweg befand, gesichert und in das
neue Betriebsgebäude der Österreichischen Staatsdruckerei in Wien 23,
Tenschertgasse, transferiert werden.
Das 1963 an Stelle einer Gedenktafel für die Opfer der kommunistischen
Betriebszelle in der Staatsdruckerei errichtete Denkmal wurde von Leopold
Grausam geschaffen und würdigt die Buchdrucker Alois Hudec (1914–1943), Gustav
Kiesel (1907–1943) und Wilhelm Weixlbraun (1896–1943), die zum Tode verurteilt
und im Wiener Landesgericht enthauptet wurden. Sie waren Mitglieder einer
größeren kommunistischen Widerstandsgruppe, in der auch andere
Widerstandskämpfer integriert waren und deren Materialien ebenso in anderen
Betrieben verteilt worden sind.
An der Gedenkfeier, die am 25. November 2005 stattfand, nahmen Personen des
öffentlichen Lebens teil, u.a. der Präsident der Arbeiterkammer Herbert Tumpel.
Nach einleitenden Worten des Generaldirektors Reinhart Gausterer und des
Betriebsratsvorsitzenden Willibald Authried sprach der in Vertretung des
Bundespräsidenten Heinz Fischer anwesende Präsident DDr. Ludwig Adamovic Worte
des Gedenkens. Danach führte Willi Weinert aus:
Werte Anwesende!
Bevor ich Ihnen einige Gedanken nahe bringen möchte, ist es mir ein
Bedürfnis, einigen Menschen zu danken, denn was im Zusammenhang mit der
Transferierung des Denkmals vom Rennweg in die Tenschertgasse geschehen ist,
sollte nicht als selbstverständlich verstanden werden.
Ich möchte zuerst den Herrn Roland Pomajbik nennen, der als Bauleiter des nun am
Areal der ehemaligen Staatsdruckerei entstehenden Hotels das Denkmal gesichert
hat. Dass Herr Kurt Scholz ein offenes Ohr für mein Anliegen hatte, das Denkmal
von den Fachleuten der Wiener Steinmetzbetriebe demontieren und hier wieder
aufstellen zu lassen (diese Anregung erhielt ich von Herrn Leopold Grausam,
dessen Vater das Denkmal geschaffen hat), möchte ich ganz besonders hervorheben.
Er kontaktierte Herrn Erhard Rauch, den Leiter der MA 43, der damit
einverstanden war, dieses Denkmal durch Herrn Hopf und seine Fachleute
fachgerecht ab- und hier wieder aufbauen zu lassen. Dass Herr Willibald Authried,
der Betriebsrat der Staatsdruckerei, für diese Wiederaufstellung sogleich Feuer
und Flamme war, ließ eine Idee zur Wirklichkeit werden. Ihnen allen sei nochmals
gedankt.
Es wird sich nun mancher die Frage stellen, wieso es überhaupt möglich war, dass
die Staatsdruckerei vor einigen Jahren aus ihrem Stammhaus am Rennweg ausgezogen
ist, ohne dieses Denkmal, das ja Teil ihrer eigenen Geschichte ist, mitzunehmen.
Mehr noch stellt sich die Frage, wieso dann die ÖIAG, in deren Besitz diese
Immobilie gekommen war, recht bald nach dem Auszug der Staatsdruckerei das Haus
mit diesem Denkmal in der Eingangshalle, einfach weiterverkaufte.
Hier, so meine ich, spiegelt sich recht deutlich und symptomatisch ein fehlendes
Bewusstsein für jenen Abschnitt der österreichischen Geschichte wider, von dem
die offizielle österreichische Nachkriegsgeschichte geprägt war und geprägt ist.
Dass diese Widerstandskämpferinnen und Widerstandskämpfer nach dem Krieg für
Jahrzehnte in der offiziellen Erinnerungskultur ausgeklammert waren, hat viele
Ursachen. Eine davon liegt bestimmt auch in der Tatsache begründet, dass sich
mehr von diesem nazistischen Geist in der Bevölkerung erhalten hat, als man sich
eingestehen will. Und dieser Ungeist wurde auch von der Intelligenz, an Schulen
und Hochschulen und anderswo tradiert. Erst unlängst erschien ein Buch, das
Auskunft darüber gibt, wie NS-Belastete sogar in die österreichischen
Sozialdemokratie integriert wurden; und dabei handelt es sich nicht um Menschen
vom Typ des uns allen bekannten Herrn Karl.
Dass man Widerstandskämpferinnen und Widerstandskämpfer, die überlebt hatten,
seitens der Republik mehr als schmählich behandelt hat, ist belegt. Man gab
ihnen den so genannten Opferausweis, der mit minimalen Vergünstigungen verbunden
war. Dass man diesen, aus Angst vor heftigen Reaktionen, wenig benützte, weiß
ich noch aus den Erzählungen meiner Eltern. Sie sind bereits 1941 wegen
kommunistischen Hochverrats zu je acht Jahren Zuchthaus verurteilt worden. Sie
haben in den verschiedensten Gefängnissen überlebt. Mein Vater sogar den
amerikanischen Bombenangriff auf das Grazer Gefängnis Karlau im Februar 1945.
Das Wort Vaterlandsverräter war keine seltene Ausnahme, was sich die
Widerstandskämpferinnen und Widerstandskämpfer sagen lassen mussten. Im
Gegensatz zu den Österreichern in der Naziwehrmacht und ihren Hinterbliebenen,
mussten sie um minimalste Entschädigungen kämpfen. Von einer Anerkennung ihrer
Leistungen zur Befreiung vom Nazifaschismus durch die Gesellschaft kann nicht
gesprochen werden. Und nach wie vor ist es in diesem Österreich nicht möglich,
dass z.B. die Todesurteile gegen österreichische Wehrmachtssoldaten, die aus
dieser Terrorarmee desertierten, als null und nichtig erkannt werden.
So genannte Belastete hatten es da kommoder und erlangten recht bald wieder ihre
ehemaligen Positionen. Wo nach 1945 Antifaschisten Nazis ersetzten, wie in der
Polizei, wurden sie recht bald wieder hinausgesäubert und durch erstere ersetzt.
Die Kontinuität einer Geisteshaltung war damit gewährleistet. Dieses Österreich
hatte ganz offensichtlich weniger Probleme mit ehemaligen Nazis als mit
Antifaschisten. Antifaschistische Denkmäler waren – sieht man von wenigen
Ausnahmen, wie dem am Wiener Zentralfriedhof ab – nicht etwas, was dem
offiziellen Österreich ein Anliegen war. Wie anders doch der Umgang in Ländern
wie Jugoslawien, Italien oder Frankreich. Wo Denkmäler in einem kurzen Zeitraum
nach 1945 entstanden, gingen sie meistens auf die Initiative von Kampfgefährten
zurück, die zu ihrer Maxime machten: Niemals vergessen!
Auch dieses Denkmal in der Staatsdruckerei aus dem Jahr 1963, das übrigens eine
Gedenktafel aus dem Jahr 1948 ersetzte, war der Initiative überlebender
Widerstandskämpfer geschuldet. Dass es nun von einigen Zufälligkeiten begleitet,
hier wieder aufgestellt werden konnte, und nicht wie zahlreiche andere Denkmäler
und Gedenktafeln in den letzten Jahrzehnten sang und klanglos entsorgt worden
ist, sollte zur Freude Anlass geben.
Aber wenn á la longue verhindert werden soll, dass noch existierende
Gedenktafeln und Denkmäler verschwinden, müsste dringend etwas unternommen
werden. Meiner Meinung nach müssten sie ausnahmslos und en bloc unter
Denkmalsschutz gestellt werden. Vielleicht eine Anregung für den Kulturstadtrat,
diese Lösungsmöglichkeit zu überprüfen. Nur so erhielten diese Zeugnisse den
ihnen gebührenden Schutz und könnten der Nachwelt verlustfrei erhalten bleiben.
Damit auch kommende Generationen daran erinnert werden, dass es in Österreich
Menschen gegeben hat, die unter extremsten Bedingungen den aufrechten Gang
gingen, bereit waren, mit all ihrer Kraft für eine gerechte Sache einzutreten.
Sie taten dies, und das sollte niemals vergessen werden, im Angesicht der
Perfektionierung des Mordens, der zum Massenmord wurde, dem dann in größter Zahl
Juden unterschiedlichster Nationalität zum Opfer fielen. Ich habe den Eindruck,
dass in den letzten Jahrzehnten aber der Mord an den aktiven
Widerstandskämpferinnen und Widerstandskämpfer in den Hintergrund gedrängt wird
und der Faschismus auf die Verfolgung und Ermordung der Juden reduziert wird.
Der Massenmord wird zum Judenmord, zum kaum erklärbaren Holocaust; andere Opfer
werden nahezu ignoriert, der politische, organisierte Widerstand wird negiert.
Belege dazu gibt es immer wieder.
Vor dem Sommer gab es z.B. eine Ausstellung im Nestroyhof zu „Frauen im
Widerstand“, in der diese aktiven Widerstandskämpferinnen und Partisaninnen
dezidiert dem „Holocaust“ unter- bzw. zugeordnet wurden. Und unlängst konnte man
in der Beilage „Spectrum“ der Presse im Zusammenhang mit der an der Volksoper
aufgeführten Oper „Sophies Choice“ bereits im ersten Satz eines Artikels über
„Die Leiden eines nichtjüdischen Holocaustopfers...“ lesen.
Tatsache ist: Die ersten von den Nazis in Deutschland, und dann nach der
Annexion in Österreich verfolgten, oft viehisch gequälten und ermordeten Opfer
waren jene, die organisierten Widerstand gegen das Regime ausübten. Die
einerseits versuchten, das Meinungsmonopol der Nazis durch die Herstellung von
illegalen Flugblättern und Zeitungen zu durchbrechen, und die andererseits
Solidarität mit den Opfern und ihren Angehörigen übten und für diese Geld
sammelten. Durch sie – und es waren nicht nur in Österreich mehrheitlich
Kommunistinnen und Kommunisten bzw. Menschen, die sich in deren Reihen
einordneten, die organisierend an der Spitze des Widerstandes standen – sah sich
das Naziregime aufs Äußerste bedroht. Mit einer Brutalität sonder gleichen, und
sich von Jahr zu Jahr steigernd, wurde dem Widerstand im wahrsten Sinne des
Wortes der Kopf abgeschlagen. Noch bis wenige Wochen vor dem Ende des
Mörderregimes wurden Frauen und Männer unter das Fallbeil gezwungen.
Erst unlängst lernte ich eine Frau kennen, die als 16-jähriges Mädchen gemeinsam
mit ihrer Mutter im November 1944 in Klagenfurt verhaftet worden ist und die
Hinrichtung ihrer Mutter im Dezember erleben musste. Heute, mehr als 60 Jahre
später, hat sie dieses Geschehen noch immer nicht verarbeitet, und ist in
ständiger psychotherapeutischer Behandlung. Und ob Sie es glauben oder nicht,
erst seit einiger Zeit werden diese Behandlungen von der Krankenkasse anerkannt
und bezahlt. Auch das eine Facette des Umgangs unserer Gesellschaft mit jenen,
die im wahrsten Sinne des Wortes ihren Kopf im Kampf um ein freies,
demokratisches Österreich hingehalten haben. Diese Widerstandskämpferinnen und
Widerstandskämpfer haben sich nie als Heldinnen oder Helden verstanden. Wiewohl
rückblickend ihr Wirken als heldenhaft zu bezeichnen wäre. Sie waren eine
Minderheit, die auf Grund ihrer gesellschaftspolitischen Einsicht geradezu
zwingend es als ihre Verpflichtung verstand, gegen dieses Regime anzukämpfen.
In diesem Zusammenhang möchte ich Sie an diesen bekannten Spruch des deutschen
Pastors Martin Niemöller erinnern, worin er die Notwendigkeit des Widerstandes
hervorgehoben hat. Er schrieb:
Als die Nazis die Kommunisten holten,
habe ich geschwiegen;
ich war ja kein Kommunist.
Als sie die Sozialdemokraten einsperrten,
habe ich geschwiegen;
ich war ja kein Sozialdemokrat.
Als sie die Katholiken holten,
habe ich nicht protestiert;
ich war ja kein Katholik.
Als sie mich holten, gab es keinen mehr,
der protestieren konnte.
Es gab sie aber, die Menschen, die Position bezogen, die kämpften. So wie
diese drei, denen dieses Denkmal gewidmet ist. Und trotzdem wäre nichts
unrichtiger, als ihr Wirken zu verklären, sie von der Realität abgehoben zu
sehen, sie als Wesen der besonderen Art zu verstehen. So eine Herangehensweise
würde ja all jene exkulpieren, die tatenlos dieses Regime akzeptierten, so, als
wäre Widerstand unmöglich gewesen. Sie als – wenn auch außergewöhnliche –
Menschen zu begreifen, die bereit waren, für eine gerechte Sache ein- und gegen
das Naziregime aufzutreten, sollte nachgeborenen und zukünftigen Generationen
zur Richtschnur dienen.
Friedrich Heer formulierte vor mehr als 50 Jahren, bei einer Gedenkfeier für
einen hingerichteten jungen Widerstandskämpfer, dass es darum geht, aus diesem
Sterben die Kraft zu gewinnen, um Widerstand zu leisten, auch einer scheinbar
allmächtigen Machtmaschine gegenüber, und die Hoffnung zu schöpfen, dass es
immer wieder Menschen geben möge, für die ihr Gewissen entscheidender ist als
die Furcht und Angst. Auch wenn das Wirken dieser Österreicherinnen und
Österreicher nicht massenwirksam wurde, so repräsentieren sie doch das bessere
Österreich. Die Erinnerung an sie spielte nach 1945 und leider bis heute im
öffentlichen Bewusstsein eine untergeordnete Rolle. Möge die Erhaltung dieses
Denkmals ein kleiner Beitrag dazu sein, dass die Erinnerung an sie und ihren
Widerstandskampf wach gehalten wird. Ich danke für Ihre Aufmerksamkeit.
Mitteilungen der Alfred Klahr Gesellschaft, Nr. 1/2006
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