Klahr    Alfred Klahr Gesellschaft

Verein zur Erforschung der Geschichte der Arbeiterbewegung

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„Eine gute Idee hört nicht auf,
eine gute Idee zu sein, nur weil sie
einmal verpfuscht worden ist.“


Dieses Zitat des Kriminalinspektors Fuchs über den Sozialismus schrieb Heinz R. Unger als Widmung in sein 2004 beim Innsbrucker Haymon-Verlag erschienenes Buch „Löwenslauf“.
Heinz R. Unger ist Drehbuch- und Liederschreiber, Lyriker, Verfasser zahlreicher Kinderbücher und seit der „Proletenpassion“, vor allem aber seit seinem 1987 erschienenen Theaterstück „Zwölfeläuten“ (Teil der Triologie „Republik des Vergessens“) bekannt für seine einfühlsame literarische Aufarbeitung der Vergangenheit Österreichs. Sein neuer Roman „Löwenslauf“ spielt im Wien der Nachkriegszeit. Die zentrale Geschichte ist die Lebensgeschichte zweier Männer: eines pensionierten Kriminalinspektors Fuchs, eines alten Widerstandskämpfers und Kommunisten, wie es sie in der Wiener Polizei nach 1945 viele gab, der keine Gefühle mehr zulässt, und die des Juden Lapinskis, eines Mannes mit dem geliehenen Namen eines Hasen, der sich als Löwe fühlt – ein Mann mit „verfehlter“ Identität. Er hat sie im französischen Widerstand bekommen und behalten. In dieser Erkundung von Krieg und Widerstand kommen die Nationalsozialisten als Gestalten fast nicht vor. Die Aufdeckung vergangener und auch heutiger Schuld wird nur aus der Perspektive dieser beiden Antifaschisten erzählt. Das Verbrechen, das die beiden zufällig zusammenführt, ist vermutlich keines, obwohl es einen SS-Mann betrifft, verbindet aber beider rückgeblendeten Leben.
Die verpfuschten Biografien beider Hauptfiguren nehmen in Rückblenden Gestalt an, ebenso wie das Wien der Nachkriegszeit bis herauf in die 1970er Jahre. Lapinski sieht alle Menschen als Tiere, vor allem den Löwen misst er spezielle Gaben zu, was die Löwenmenschen als Element des Romans etwas zu bestimmend werden lässt und den Roman ein wenig ins Reich der Fabel gleiten lässt.

Lisl Rizy

Textprobe: „Sie haben mir einmal erzählt“, sagte Lapinski zu Fuchs, „Sie würden keinen von denen, die Sie gequält haben, erkennen, wenn sie in Zivil neben Ihnen im Wirtshaus säßen. Sehen Sie, das glaube ich Ihnen nicht, Fuchs. Ich werde diese beiden Gestapo-Typen in meinem ganzen Leben nicht vergessen, ich würde sie aus einer Menge von tausend Leuten herausfinden.“
„Wie?“
„Die Augen, die Lippen – was weiß ich, einfach alles“, sagte Lapinski und machte eine fahrige Bewegung. „Und was noch schlimmer ist, fast so etwas wie ein Fluch, ich kann auch all die potenziellen Gestapo-Typen erkennen, ich kann sie riechen ...“
„Jetzt machen Sie aber einen Punkt, Lapinski“, sagte Fuchs. „Riechen, das ist doch lächerlich! Und was meinen Sie mit potenziellen Gestapo-Typen?“
„Jene, die heute wieder dasselbe machen würden, wenn sie könnten. Ich erkenne sie, wenn sie auf der Straße vorbeigehen, wenn sie neben mir im Bus sitzen. Heute habe ich im Bus eine Frau gesehen, strenger Haarknoten, kalter Blick, Lippen wie ein Bindestrich. Bei der hab ich mir gedacht, die gäbe eine glaubwürdige KZ-Aufseherin ab.“
„Sie spinnen, Lapinski“, sagte Fuchs. „Und Sie können sich da ganz gewaltig täuschen. Glauben Sie mir, ich bin Polizist. Man sieht es keinem an!“ Und nach einer kurzen Pause setzte er fort: „Aber es steckt in jedem drinnen.“
„Menschen sind Tiere“, sagte Lapinski apodiktisch. (S. 117f.)

Heinz R. Unger im Interview („Kurier“): Die Figuren sind Sammelbecken von ein bis drei realen Personen. So absonderlich sich die Geschichte liest, ich kenne Menschen, denen Ähnliches widerfahren ist. Jener SS-Mann etwa, der von einem Baustellengerüst stürzt und stirbt, ist aus dem Burgenland, ein Waisenkind, das sich als Flaghelfer anwerben hat lassen. Die Schicksale meiner Figuren sind authentisch, Erfindungen passieren in meinen Geschichten anderswo.
Man soll nicht vergessen, was war, doch den Zeigefinger versuche ich zu vermeiden. In einer Situation wie der Naziherrschaft treten bestimmte menschliche Verhaltensweisen ganz krass zu Tage. Mitläufertum, Wegschauen, Duckmäusertum. Das möchte ich „aufzeigen“.
Sie könnten doch auch tagespolitisch relevante Themen behandeln. Warum befassen Sie sich immer mit der österreichischen Vergangenheit? Interessiert Sie die Politik von heute weniger als die von gestern? Im Gegenteil, sie interessiert mich mehr, aber sie hat im Gestern ihre Wurzeln. Ich könnte außerdem keine Polemiken abliefern, dazu schreibe ich zu langsam. Es kommt oft etwas hoch und ich werde wütend, wenn ich Zeitung lese. Aber bis ich meine Gedanken so formuliert habe, dass ich sie rauslassen könnte, ist das Thema schon inaktuell. Ich habe mir diese andere Art des Schreibens angeeignet. Also Journalist musste ich schnell schreiben und den Punkt treffen. Wenn du aus diesem Berufsbild einmal aussteigst, verlangsamt sich alles.

Mitteilungen der Alfred Klahr Gesellschaft, Nr. 1/2005

 

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