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Georg Tidl: Streuzettel. Illegale Propaganda in
Österreich 1933–1939. Wien: Löcker 2005, 195 S., 19,80 Euro
Der Autor legte eine in seinen Besitz gekommene Sammlung von Streuzettel
einer kleinen Arbeit zu Grunde, die unlängst im Wiener Löckerverlag erschienen
ist. Um es zu präzisieren: es handelt sich um Streuzettel der illegalen NSDAP
sowie der illegalen SDAPÖ, RS und KPÖ, somit um Agitationsmaterial, das im
Zeitraum 1933–1938 in großer Stückzahl in Österreich verbreitet wurde. (Auch
einige Exemplare von „legalen“ Streuzetteln werden vorgestellt.)
Streuzettel sind, wie aus der Bezeichnung schon ableitbar ist, in der Regel
kleine Papierstücke (die aber durchaus auch das Format A6 haben konnten), die
die Urheber mit Losungen versahen (handbeschrieben, hektografiert oder bedruckt)
und in mehr oder weniger großen Anzahl verbreiteten.
Die Streuzettel stellten einen Teil der illegalen Propaganda der
Arbeiterbewegung (und nur auf diese soll hier Bezug genommen werden) dar. Die
Arbeiterbewegung, deren „legale“ Artikulierungsmöglichkeiten mittels ihrer
Zeitungen (z.B. der Roten Fahne, dem Zentralorgan der KPÖ) bereits 1933, wie bei
der KPÖ, beschnitten und nach den Februarkämpfen 1934 restlos entzogen wurde,
musste auf diese Situation reagieren. Sie tat es mittels der nun „illegal“
produzierten Zeitungen, Broschüren, Flugblätter und eben dieser Streuzettel.
Wenngleich die Auflagen dieser recht unterschiedlich gestalteten Streuzettel in
die Millionen ging, kann ich mich der Meinung des Autors nicht anschließen, der
meint, sie würden das „charakteristische ... und einzige
Massenkommunikationsmittel politischer Parteien in der Illegalität“ gewesen
sein. Mit scheint der von ihm herangezogene Schluss von der Auflage zur
Behauptung eines „Massenkommunikationsmittel“ nicht gerechtfertigt zu sein. Ein
Argument, das dagegen spricht, ist die Form der Verbreitung, die jeweils nur
punktuell erfolgte; d.h., jemand warf an einer bestimmten Stelle Streuzettel,
und das konnten einzelne Exemplare bis höchstens ein oder zwei Hände voll
gewesen sein. Diese Streuzettel, die am Boden zu liegen kamen, konnten dann nur
in ihrer geringeren Zahl von Passanten aufgehoben und gelesen worden sein, so es
sich nicht sowieso nur um Zettel mit den Symbolen der Arbeiterbewegung (Drei
Pfeile, Sichel und Hammer oder Roter Stern) gehandelt hat. (Der Autor spricht
selbst davon, dass das Aufheben und Mitnehmen gar nicht beabsichtigt war. Was
aber bei Streuzettel mit Text wohl nicht möglich war, denn die konnte man nur
lesen, wenn man sie näher ans Auge führte.) Somit gelangten diese zwar in
Millionauflage produzierten Streuzettel doch nur an einen wesentlich
beschränkten Kreis von Menschen, denen zufällig so ein Streuzettel in die Hände
fiel. Und diesen Menschen wurde i.d.R. nur eine kurze Losung vermittelt, wie
z.B.: „Heraus zum 1. Mai“, „Hakenkreuz ist Hungerkreuz“ u.ä.m.
Ich meine, dass die Streuzettel dafür verwendet wurden, um durchaus auch den
nicht den Arbeiterparteien zuzuzählenden Schichten (sowie auch der Exekutive,
die ja in vielen Fällen damit befasst war, die Streuzettel aus dem Verkehr,
sprich dem Zugriff von Passanten zu ziehen) zu zeigen, dass trotz Verbot die
Arbeiterparteien (im Untergrund) existieren und aktiv sind, weniger aber, um mit
den eigenen Parteigängern zu „kommunizieren“, wie der Autor annimmt.
Wesentlich effizienter, weil gezielter kolportiert und z.T. verkauft (!), waren
da die illegalen Zeitungen der Arbeiterbewegung, die illegalen Broschüren und
natürlich die Vielzahl der Flugblätter. Hier kann wahrlich von einer
„Kommunikation“ gesprochen werden; damit wurden die politisch bewussten und
aktiven Menschen erreicht. Mit diesen Medien konnten Inhalte und Analysen
verbreitet werden.
Der Autor vermittelt dem Leser einen Einblick in Herstellung und Vertrieb von
Streuzettel, zitiert auch immer wieder aus den Akten der gerichtlichen
Verfolgung und Aburteilung von Personen, die damit befasst waren. In der Folge
beschreibt er die im Buch (leider nur in schwarz-weiß; wenigstens ein oder zwei
Farbtafeln hätten das Buch optisch aufgewertet) abgebildeten Streuzettel und
gibt erläuternde historische Anmerkungen.
Leider fehlen dem Buch nicht nur die Streuzettel, die Bezug auf die durch die
Austrofaschisten ermordeten Schutzbündler nehmen, sondern man vermisst auch den
nicht kleinen Bereich der so genannten „Solidaritätsmarken“, bei denen die
Spendenmarken für den Kampf gegen die faschistische Reaktion in Spanien an
erster Stelle zu nennen wären.
Einige kleine Ungenauigkeiten sollte man bei einer eventuellen Zweitauflage
eliminieren. Das Symbol der „3-Pfeile“, das Anfang der 1930er Jahre in der SDAPÖ
Einzug hielt, wurde von der deutschen Eisernen Front (der Wehrformation der SPD,
die mit dem österreichischen Schutzbund vergleichbar ist) übernommen und standen
symbolisch für den Kampf gegen Kapitalismus, Reaktion und Faschismus, nicht aber
für die Ziele der französischen Revolution (Freiheit, Gleichheit,
Brüderlichkeit).
Das auf einem Streuzettel der Sozialdemokratie dargestellte Politikerduo (Abb.
55) stellt nicht Dollfuß und Fey, sondern Dollfuß und Starhemberg (übrigens sehr
treffend mit seinem Hut und der großen Nase) dar. An anderer Stelle spricht der
Autor von der Vaterländischen Front (VF) „als einzige offizielle Partei“ (im
Ständestaat). Die VF war nie eine Partei, denn gerade die Abschaffung der
Parteien war ein Grund ihrer Installierung durch die Austrofaschisten. Der Autor
hat zwar recht, wenn er den 1. August als einen der von der Arbeiterbewegung
begangenen „Festtage“ bezeichnet, nur wurde dieser Tag nicht als
„Weltfriedenstag“ sondern als „Antikriegstag“ begangen. In seiner Erläuterung
zum Streuzettel mit dem Symbol der Antifaschistischen Aktion ist zu lesen: „Die
Kommunisten gründeten in den Betrieben eine überparteiliche Antifaschistische
Aktion.“ Die Antifaschistische Aktion war eine Bewegung in Deutschland Anfang
der 1930er Jahre. Das aus zwei in einem Kreis befindlichen Fahnen bestehende
Symbol wurde massenhaft auch als Abzeichen verbreitet und gelangte auch nach
Österreich. Es war Symbol für die Notwendigkeit eines gemeinsamen Kampfes gegen
den aufkommenden Hitlerfaschismus. Die Antifaschistische Aktion war aber zu
keinem Zeitpunkt eine Organisation sondern sollte eine Bewegung der kämpfenden
Einheitsfront sein. In Deutschland trat sie mit diesem Symbol gegen Ende Mai
1932 in Erscheinung.
Alles in Allem ein interessantes Buch, das dem Leser Einblick in einen Teil der
illegalen Propaganda sowohl der Arbeiterbewegung als auch der österreichischen
NSDAP gibt, die durch die finanzielle Unterstützung durch die NSDAP in
Deutschland offensichtlich ein Vielfaches an Streuzettel produzieren und
vertreiben konnte.
Willi Weinert
Mitteilungen der Alfred Klahr Gesellschaft, Nr. 1/2006
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