Klahr    Alfred Klahr Gesellschaft

Verein zur Erforschung der Geschichte der Arbeiterbewegung

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Samuel Mitja Rapoport (1912–2004) – In memoriam

Mit dem Tod von Professor Mitja Rapoport am 7. Juli 2004 in Berlin verliert die wissenschaftliche Welt einen hervorragenden Gelehrten und Lehrer und die Alfred Klahr Gesellschaft einen Freund und Genossen. Rapoport, der von Anfang der 1950er Jahre das Institut für Biochemie der Humboldt Universität zu Berlin, DDR, leitete, verfolgte die Tätigkeit der Alfred Klahr Gesellschaft mit großem Interesse, stand in persönlichem Kontakt mit einigen ihrer Vorstandsmitglieder und leistete zuletzt im Jahr 2001 einen wertvollen Beitrag zum Symposium der Gesellschaft über Walter Hollitscher (1911–1986), mit dem er insbesondere in Hollitschers Berliner Zeit oft zusammentraf.
Rapoport wurde auf dem Gebiet der heutigen Ukraine geboren und kam mit seinen Eltern Anfang der 1920er Jahre nach Wien. Hier absolvierte er die Mittelschule und studierte dann Medizin. Er trat dem Verband Sozialistischer Mittelschüler bei, doch als er und andere Mitglieder der Gruppe – unter ihnen Jura Soyfer, mit dem er eng befreundet war – das Versagen der Sozialdemokratischen Partei erkannnten, schlossen sie sich der bereits illegal tätigen kommunistischen Bewegung an. Der Wunsch, für die Sache des Sozialismus zu wirken, blieb für Rapoport Leitmotiv bis an sein Lebensende.
Nach Abschluss des Medizinstudiums ging er auf Grund eines Stipendiums für weitere Studien in die USA. Seine medizinisch-chemischen Forschungsarbeiten am Kinderspital von Cincinnati, damals eine führende Institution in den USA, fanden große Anerkennung. In der Folgezeit gelang ihm eine bahnbrechende Entwicklung: Die Haltbarkeit von Blutkonserven konnte wesentlich verlängert werden, womit ein wichtiger Fortschritt für die Versorgung von Kriegsverwundeten erreicht wurde. Rapoport wurde mit dem höchsten an Zivilisten vergebenen Orden der USA ausgezeichnet.
Als mit dem Beginn des Kalten Krieges die von US-Senator McCarthy vorangetriebenen Verfolgungen von Kommunisten in den USA einsetzten, kam es auch zu einer Kampagne gegen Mitja Rapoport und seine Frau Inge. Das Ansinnen, sie sollten ihren Auffassungen abschwören, lehnten sie entschieden ab. Als sich dann Verhöre und – bei Verweigerung von Aussagen – Inhaftierung abzeichneten, verließ das Ehepaar Rapoport mit drei kleinen Kindern und einem ungeborenen vierten die USA.
Die Versuche Mitja Rapoports, eine seiner Qualifikation entsprechende Anstellung in Wien zu erlangen, scheiterten. Die US-Besatzungsbehörden setzten die antikommunistischen Aktionen fort und intervenierten bei den Funktionären der Wiener Universität, Rapoport dürfe nicht angestellt werden. Aktennotizen über diese Interventionen wurden inzwischen von amerikanischen Archiven zum Teil freigegeben. So entschloss sich Rapoport, der gerne in Wien geblieben wäre, die Berufung nach Berlin, DDR, an das Institut für Biochemie der Humboldt-Universität anzunehmen.
Es folgten nahezu drei Jahrzehnte fruchtbarer wissenschaftlicher Tätigkeit. Ein modern eingerichtetes Institut wurde aufgebaut. Sein Lehrbuch „Medizinische Biochemie“ erschien in zahlreichen Auflagen und wurde in mehrere Sprachen übersetzt. Es wurde zum Standardwerk für die biochemische Ausbildung der Mediziner in der DDR. Schüler Rapoports wurden auf Lehrstühle an Universitäten der DDR berufen.
Nach dem Ende der DDR übernahm Rapoport, inzwischen im Ruhestand, nochmals ein wichtiges Amt. Im Zuge der Liquidation von DDR-Institutionen wurde auch die Akademie der Wissenschaften der DDR aufgelöst; es wurden ihr alle Forschungsinstitute und Fonds entzogen. Ihre Mitglieder sollten aus dem wissenschaftlichen Leben ausgeschaltet werden. Doch eine Gruppe von Akademiemitgliedern beschloss, ihre Tätigkeit, ihren wissenschaftlichen Gedankenaustausch durch Gründung der „Leibniz-Societät“ fortzusetzen. Rapoport übernahm die Präsidentschaft dieser Gelehrtengemeinschaft, und übte diese Funktion für nahezu zehn Jahre aus. Auch wenn die staatlichen deutschen Stellen die Societät ausgrenzen, ist sie weiter aktiv und ist auch weiter gewachsen, nämlich durch Zuwahl jüngerer Wissenschaftler, wobei auch Gelehrte aus den „alten“ Bundesländern diese Wahl angenommen haben.
Die große Beteiligung an der Trauerfeier für Mitja Rapoport am 12. August in Berlin – zu der auch Freunde aus Österreich gekommen waren – war ein Ausdruck der großen Wertschätzung seiner hervorragenden wissenschaftlichen Leistungen, seines gesellschaftlich-politischen Engagements und seiner menschlichen Qualitäten.
Im Geist Rapoports standen auf der Traueranzeige die Worte seines Freundes Jura Soyfer:
Voll Hunger und voll Brot ist diese Erde,
Voll Leben und voll Tod ist diese Erde,
In Armut und in Reichtum grenzenlos.
Gesegnet und verdammt ist diese Erde,
Von Schönheit hell umflammt ist diese Erde,
Und ihre Zukunft ist herrlich und groß!

Thomas Schönfeld

Mitteilungen der Alfred Klahr Gesellschaft, Nr. 3/2004

 

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