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Öffentliches Eigentum – eine Frage von Gestern?
Der Frage nach der Aktualität von Eigentum in öffentlicher Hand spürte
eine Konferenz der Alfred Klahr Gesellschaft und des KPÖ-Bildungsvereins
Steiermark in Leoben nach.
Vor 60 Jahren, am 26. Juli 1946, beschloss der Nationalrat mit dem Stimmen
aller drei demokratischen Parteien – ÖVP, SPÖ und KPÖ – das 1.
Verstaatlichungsgesetz. Mit diesem Gesetz wurden die damaligen drei
österreichischen Großbanken, der Bergbau, die Erdölförderung und -verarbeitung,
die Hüttenindustrie sowie Großbetriebe der Maschinen- und Metallindustrie, des
Fahrzeugbaus, der Elektroindustrie und chemischen Industrie verstaatlicht. Ein
Jahr darauf wurde die gesamte Elektrizitätswirtschaft in staatlichen Besitz
überführt. Heute, 60 Jahre danach, sind von den Verstaatlichungen
ÖIAG-Beteiligungen an börsenotierten Unternehmen wie AUA, OMV, Post AG und
Telekom Austria übriggeblieben. 1987 erfolgte zur Zeit der Großen Koalition der
Startschuss zu einer Reprivatisierungswelle, die mit dem Antritt der
schwarz-blauen Regierung im Jahr 2000 und ihrem Privatisierungsauftrag zum
Totalverkauf der wichtigsten österreichischen Unternehmen führte.
Die Alfred Klahr Gesellschaft nahm gemeinsam mit dem KPÖ-Bildungsverein
Steiermark den 60. Jahrestag des 1. Verstaatlichungsgesetzes zum Anlass, vor dem
Hintergrund dieser Reprivatisierungen die Aktualität von öffentlichem Eigentum
in staatlicher und kommunaler Hand zu diskutieren. Der Ort der Konferenz –
Leoben – war dabei durchaus symbolträchtig gewählt, ging doch im Juni 1945 von
den Arbeitern der obersteirischen Betriebe der Ruf nach Verstaatlichung der
Schlüsselindustrien und Banken aus.
Am Abend des 23. Juni wurde die eineinhalbtägige Konferenz mit einer
Podiumsdiskussion von fünf Persönlichkeiten aus Politik, Wissenschaft und
Arbeitswelt eröffnet: Der ehemalige Bundesminister Rudolf Streicher, unter
dessen Ägide ab 1987 die ersten Privatisierungen erfolgten, kritisierte die
aktuellen Entstaatlichungs- und „radikalen Umfärbungsaktivitäten“ der
Bundesregierung und sprach sich für ein „Mischeigentum“ mit einem starken
Kernaktionär, der vom „politischen Geplänkel“ befreit ist, und Sperrminoritäten
aus. Der Publizist Christian Felber, bekannt als Autor des „Schwarzbuches
Privatisierung“, zeigte das Übergreifen der Privatisierungswalze auf die
Daseinsvorsorge auf und trat dafür ein, dass öffentliche Betriebe nicht nach
einem betriebswirtschaftlichen Maximum, sondern nach dem volkswirtschaftlichen
Optimum zu agieren hätten. Indem er zahlreiche internationale Beispiele für
erfolgreichen Widerstand gegen die neoliberale Privatisierungspolitik – von
Lateinamerika bis hin zu den Stadtwerken in Münster – nannte, erweiterte er das
thematische Spektrum über die österreichische Verstaatlichungsdebatte hinaus.
Gottfried Zauner, Vorsitzender der oberösterreichischen Postgewerkschaft,
skizzierte die Umstrukturierungen in der Österreichischen Post AG und
kritisierte deren negative Auswirkungen auf die dortige Arbeitsplatzsituation.
Werner Murgg, Abgeordneter der KPÖ zum steiermärkischen Landtag, rief die Gründe
für die Verstaatlichungen nach dem Zweiten Weltkrieg und die Bedeutung der
Sozialleistungen im verstaatlichten Sektor in Erinnerung. In einem Ausblick wies
er auf die Gefahren für die „zivilisierte Gesellschaft“ hin, die sich aus der
Ausdünnung des öffentlichen Sektors ergeben. Diesen Positionen gegenüber hatte
der Landesgeschäftsführer der ÖVP, Hannes Missethon, in der Diskussion einen
schweren Stand: Er gestand zwar die Notwendigkeit der Verstaatlichungen nach
1945 ein, heute müsse diese Frage jedoch vor dem Hintergrund der
Wettbewerbsfähigkeit neu bewertet werden. Mehrere Diskutanten auf dem Podium und
auch RednerInnen aus dem Publikum wiesen in Reaktion auf Missethon die Legende
zurück, wonach der Staat nicht wirtschaften könne, und verwiesen dabei auf
einschlägige wissenschaftliche Studien.
Die überaus lebhafte Diskussion im Verlauf dieser Abendveranstaltung wurde tags
darauf im Rahmen eines ganztägigen Symposiums prolongiert, an dem trotz
Schönwetter und Fußball-WM zahlreiche Interessierte teilnahmen. Acht
ReferentInnen aus dem universitären, gewerkschaftlichen und politischen Bereich
– Hans Hautmann, Heimo Halbrainer, Ernest Kaltenegger, Werner Anzenberger, Miron
Passweg, Margareta Kreimer, Karl Rußheim und Willi Gaisch – setzten sich mit
Fragen der Verstaatlichung in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft auseinander:
Warum kam es in Österreich nach 1945 zu derart umfangreichen Verstaatlichungen?
Welche Auswirkungen hatten sie auf die soziale Lage der gesamten
österreichischen ArbeiterInnenschaft? Was waren die Ursachen der „Krise“ der
verstaatlichten Industrie in den 1980er Jahren und ihrer danach einsetzenden
Zerschlagung? Welche Rolle spielen die ÖIAG und die EU-Richtlinien bei der
Reprivatisierung? Vor allem die Frage, welche Strategien im Interesse der
arbeitenden Menschen gegen die Betreiber und Nutznießer der (Re)Privatisierung
zu entwickeln seien, machte deutlich, dass für eine Trendumkehr in Richtung
Erweiterung des öffentlichen Eigentumsbereichs vor allem eine Verschiebung der
politischen Kräfteverhältnisse erforderlich ist.
Die Referate des Symposiums werden gemeinsam mit einer Zusammenfassung der
Podiumsdiskussion von der Alfred Klahr Gesellschaft demnächst in Form eines
Sammelbandes in der Reihe „Quellen & Studien“ herausgegeben werden.
Manfred Mugrauer
Mitteilungen der Alfred Klahr Gesellschaft, Nr. 3/2006
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