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Verein zur Erforschung der Geschichte der Arbeiterbewegung Drechslergasse 42, A–1140 Wien Tel.: (+43–1) 982 10 86, E-Mail: klahr.gesellschaft@aon.at
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Architektin und Zeitzeugin eines Jahrhunderts
Mehr
als vier Jahre nach ihrem Tod erschienen in Wien in Buchform eine Reihe von
Manuskripten aus dem Nachlass von Grete Schütte-Lihotzky. Sie umfassen den
Zeitraum von ihrer Studienzeit bis zur Abreise der Architektengruppe um Ernst
May von Frankfurt am Main in die Sowjetunion, also von 1915 bis Herbst 1930. 15
Jahre aus dem Leben der bedeutendsten Architektin Österreichs, die ihr Studium
in Wien an der Kunstgewerbeschule bei Oskar Strnad, ihre Arbeiten in der Wiener
Siedlerbewegung und ihre Berufung an das Hochbauamt Frankfurt zu Stadtrat Ernst
May mit ihren dortigen Arbeiten umfassen. "Niemand würde je eine Frau ein Haus bauen lassen"
Ihr
unerbittliches Festhalten an ihrem Entschluss überzeugte ihren Lehrer, er
stellte ihr immer neue Aufgaben, und sie lernte erfolgreich: 1919 erhielt sie
mit dem Lobmeyer-Preis ihre erste Auszeichnung, erstmals verliehen an eine Frau.
Und die folgenden Jahre wurden entscheidend für ihr Leben: Den Wunsch, sich an
einem Wettbewerb für Arbeiterwohnungen zu beteiligen, quittierte Strnad mit der
Aufforderung: "Bevor Sie nur einen Strich zeichnen, gehen Sie hinaus ... und
sehen sich an, wie die Arbeiter bei uns wirklich wohnen und leben." Jahrzehnte
später sagte sie: "Ich wollte immer nur Wohnungen bauen; nur das interessierte
mich wirklich!" "... einen großen Wohnkomplex, ... Ihr verteilt an die "Modernen". Dann könnt Ihr Euch mit diesen Narren herumstreiten." Es geht um nichts Geringeres als den Einsatz industrialisierter Fertigungsverfahren im Wohnbau. "Die massenweise notwendig gewordenen Wohn- und Sozialbauten ... zwingen zu größter Sparsamkeit und zur Verringerung der Handarbeit am Bau auf ein Minimum. Das bedeutet Fertigteilbauweise für alle wiederholbaren Bauten … " Grete Schütte nennt die zugrunde liegende Entwicklung beim Namen: "Die wissenschaftlich-technische Revolution hat das Bauen erfasst." Systematische Analyse des Raums, "theoretische Studien und Zeichnungen über das Thema Wohnbau und rationelle Haushaltsführung" waren das eigentliche Metier der jungen Architektin. In Vertretung von Loos führt sie einen Architekten aus Breslau durch die Wiener Siedlungen: Ernst May ist fasziniert von ihren Methoden der Planung und der Verwirklichung der Ideen. Wenige Jahre später, als Stadtrat für Bauwesen in Frankfurt am Main, lädt er sie ein, in einer Gemeinschaft moderner Architekten am dortigen Hochbauamt "Neues Bauen" zu erkämpfen. Grete Schütte war 28 Jahre alt, als sie - bereits international bekannt - in Deutschland "ein neues Leben begann". Viele Jahre später, 1989 bei der Verleihung der Ehrendoktorwürde der TU Graz, wurde gleichzeitig ein Maschinenbauer geehrt: Er war noch gar nicht geboren, als Grete Schütte schon ihre ersten großen Preise erhalten hat. "Sie muss an die hundert Jahre alt sein!", raunten ehrfürchtig die Architekturprofessoren. Grete Schütte empörte sich: "Ich bin doch erst 92!" Die "Frankfurter Küche" – weltberühmt und belastend
"Es
ist vollkommen verfehlt anzunehmen, ein Mensch hätte in den zwanziger Jahren die
'Idee' einer Wohnküche gehabt und alle anderen hätten ihm das nachgemacht. Die
Arten des Wohnens entstehen nie durch die 'Idee' eines Menschen, sondern nur
nach den Gegebenheiten, den Lebensbedingungen, unter denen die Bevölkerung
vorher lebte, also aus den Lebensgewohnheiten der Bevölkerung." Es ist eine der
unzweifelhaften Vorzüge dieser Veröffentlichung, dass zu grundlegenden Fragen
der Entstehung des Konzepts der Frankfurter Küche, ja zu verschiedenen Aspekten
der Architektur der 1920er und 1930er Jahre überhaupt, die authentischen
Ansichten einer Zeitzeugin dokumentiert werden. Sie stellt klar, "dass die
Entstehung der Frankfurter Küche in erster Linie eine …
Finanzierungsentscheidung war und erst (dann) eine Einrichtungsfrage." Und als
ersten Beweggrund nennt sie "die Erkenntnis, daß die Berufstätigkeit der Frau
... nicht mehr nur dem Dazuverdienen zum Einkommen des Mannes dienen wird." Zu
Tausenden wird die Küche in Frankfurt gebaut. Detailliert werden
unterschiedliche Wohntypen, die Herstellung von Kindergärten in vorgefertigten
Bauteilen u.a. beschrieben. Hans Mikosch Margarete Schütte-Lihotzky: Warum ich Architektin wurde, hg. von Karin Zogmayer. Wien, Salzburg: Residenz 2004, 240 S. Mitteilungen der Alfred Klahr Gesellschaft, Nr. 4/2004 |
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