Klahr    Alfred Klahr Gesellschaft

Verein zur Erforschung der Geschichte der Arbeiterbewegung

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Architektin und Zeitzeugin eines Jahrhunderts

Mehr als vier Jahre nach ihrem Tod erschienen in Wien in Buchform eine Reihe von Manuskripten aus dem Nachlass von Grete Schütte-Lihotzky. Sie umfassen den Zeitraum von ihrer Studienzeit bis zur Abreise der Architektengruppe um Ernst May von Frankfurt am Main in die Sowjetunion, also von 1915 bis Herbst 1930. 15 Jahre aus dem Leben der bedeutendsten Architektin Österreichs, die ihr Studium in Wien an der Kunstgewerbeschule bei Oskar Strnad, ihre Arbeiten in der Wiener Siedlerbewegung und ihre Berufung an das Hochbauamt Frankfurt zu Stadtrat Ernst May mit ihren dortigen Arbeiten umfassen.
In spannend zu lesenden Kapiteln beschreibt Schütte-Lihotzky ihre Entwicklung von einem "künstlerisch völlig unverbildetem Wesen" zu ihrem mit Nachdruck durchgesetztem Entschluss, Architektin zu werden und sich als solche in einer Männerdomäne mit beharrlicher, präziser Arbeit und wohldurchdachten Ideen Respekt und Anerkennung zu verschaffen. Es beginnt, so wie die Eltern dachten es beginnen müsse, mit Protektion: Gustav Klimt soll - zu dessen Leidwesen - beim Direktor der Schule für die Tochter aus gutem Hause fürsprechen. Die Intervention scheitert durch Klimts Nachlässigkeit, und die mit bestandener Aufnahmsprüfung stolze Schülerin ist "glücklich darüber, denn Protektionswirtschaft war (ihr) in der Seele zuwider". Es folgen ernstzunehmende Hürden.

"Niemand würde je eine Frau ein Haus bauen lassen"

Ihr unerbittliches Festhalten an ihrem Entschluss überzeugte ihren Lehrer, er stellte ihr immer neue Aufgaben, und sie lernte erfolgreich: 1919 erhielt sie mit dem Lobmeyer-Preis ihre erste Auszeichnung, erstmals verliehen an eine Frau. Und die folgenden Jahre wurden entscheidend für ihr Leben: Den Wunsch, sich an einem Wettbewerb für Arbeiterwohnungen zu beteiligen, quittierte Strnad mit der Aufforderung: "Bevor Sie nur einen Strich zeichnen, gehen Sie hinaus ... und sehen sich an, wie die Arbeiter bei uns wirklich wohnen und leben." Jahrzehnte später sagte sie: "Ich wollte immer nur Wohnungen bauen; nur das interessierte mich wirklich!"
Grete Schütte-Lihotzky bleibt ein Synonym für sozialen Wohnbau des 20. Jahrhunderts. Ihre Beschreibung von Studium und den Arbeiten in der Wiener Siedlerbewegung ist voll von Namen aus der Kultur- und Geistesgeschichte der 1. Republik: Adolf Loos, Otto Neurath, Max Ermers, Josef Frank und Ernst Egli werden in eigenen kleinen und größeren Kapiteln beschrieben, manchmal der Zeit vorgreifend mit Episoden aus späteren Jahren, aber immer intensiv darlegend die persönlichen Erfahrungen verwoben mit den gesellschaftlichen Rahmenbedingungen.

"... einen großen Wohnkomplex, ... Ihr verteilt an die "Modernen". Dann könnt Ihr Euch mit diesen Narren herumstreiten."

Es geht um nichts Geringeres als den Einsatz industrialisierter Fertigungsverfahren im Wohnbau. "Die massenweise notwendig gewordenen Wohn- und Sozialbauten ... zwingen zu größter Sparsamkeit und zur Verringerung der Handarbeit am Bau auf ein Minimum. Das bedeutet Fertigteilbauweise für alle wiederholbaren Bauten … " Grete Schütte nennt die zugrunde liegende Entwicklung beim Namen: "Die wissenschaftlich-technische Revolution hat das Bauen erfasst." Systematische Analyse des Raums, "theoretische Studien und Zeichnungen über das Thema Wohnbau und rationelle Haushaltsführung" waren das eigentliche Metier der jungen Architektin. In Vertretung von Loos führt sie einen Architekten aus Breslau durch die Wiener Siedlungen: Ernst May ist fasziniert von ihren Methoden der Planung und der Verwirklichung der Ideen. Wenige Jahre später, als Stadtrat für Bauwesen in Frankfurt am Main, lädt er sie ein, in einer Gemeinschaft moderner Architekten am dortigen Hochbauamt "Neues Bauen" zu erkämpfen. Grete Schütte war 28 Jahre alt, als sie - bereits international bekannt - in Deutschland "ein neues Leben begann". Viele Jahre später, 1989 bei der Verleihung der Ehrendoktorwürde der TU Graz, wurde gleichzeitig ein Maschinenbauer geehrt: Er war noch gar nicht geboren, als Grete Schütte schon ihre ersten großen Preise erhalten hat. "Sie muss an die hundert Jahre alt sein!", raunten ehrfürchtig die Architekturprofessoren. Grete Schütte empörte sich: "Ich bin doch erst 92!"

Die "Frankfurter Küche" – weltberühmt und belastend

"Es ist vollkommen verfehlt anzunehmen, ein Mensch hätte in den zwanziger Jahren die 'Idee' einer Wohnküche gehabt und alle anderen hätten ihm das nachgemacht. Die Arten des Wohnens entstehen nie durch die 'Idee' eines Menschen, sondern nur nach den Gegebenheiten, den Lebensbedingungen, unter denen die Bevölkerung vorher lebte, also aus den Lebensgewohnheiten der Bevölkerung." Es ist eine der unzweifelhaften Vorzüge dieser Veröffentlichung, dass zu grundlegenden Fragen der Entstehung des Konzepts der Frankfurter Küche, ja zu verschiedenen Aspekten der Architektur der 1920er und 1930er Jahre überhaupt, die authentischen Ansichten einer Zeitzeugin dokumentiert werden. Sie stellt klar, "dass die Entstehung der Frankfurter Küche in erster Linie eine … Finanzierungsentscheidung war und erst (dann) eine Einrichtungsfrage." Und als ersten Beweggrund nennt sie "die Erkenntnis, daß die Berufstätigkeit der Frau ... nicht mehr nur dem Dazuverdienen zum Einkommen des Mannes dienen wird." Zu Tausenden wird die Küche in Frankfurt gebaut. Detailliert werden unterschiedliche Wohntypen, die Herstellung von Kindergärten in vorgefertigten Bauteilen u.a. beschrieben.
Intensive Arbeitsjahre, bis im Frühsommer 1930 eine Gruppe von 17 Spezialkräften unter der Leitung von Ernst May zum Bau neuer Wohnstädte für die Arbeiter der Schwerindustrie in die Sowjetunion eingeladen wird. Mit der Ankunft in Moskau am 7. Oktober 1930 endet dieser Teil der Erinnerungen von Grete Schütte-Lihotzky.
Ein wertvolles Buch, eine verdienstvolle Arbeit der Herausgeberin Karin Zogmayer. Leider fällt auf, dass weder im Vorwort noch in der Biographie die entscheidende Tatsache Erwähnung findet, dass nach ihrer siebenjähriger Tätigkeit in der Sowjetunion Grete Schütte an ihrer neuen Arbeitsstelle in Istanbul Mitglied einer illegalen Gruppe der KPÖ wird; von dort fährt sie als Kurier der Parteiführung nach Wien, und wird am letzten Tag vor ihrer Rückreise durch Verrat verhaftet. Dutzende andere werden hingerichtet, aber sie entgeht dem Todesurteil. Im befreiten Österreich wiegt ihre Gesinnung schwerer als ihr Können, ihr internationaler Ruf: Die Stadt Wien kennt sie "nur" als Kommunistin, nicht als Architektin. Erfordert die Erwähnung dieses Fakts so viel Mut? Jedenfalls verzeichnet diese Auslassung einen Menschen, der von sich schreibt: "Nur wenn ich als Teil einer Gemeinschaft für gemeinsame Ziele eintrete und dafür auch kämpfe, erhält mein Dasein auch einen Sinn." Bis zu ihrem Tod war für Grete Schütte-Lihotzky diese Gemeinschaft die KPÖ.

Hans Mikosch

Margarete Schütte-Lihotzky: Warum ich Architektin wurde, hg. von Karin Zogmayer. Wien, Salzburg: Residenz 2004, 240 S.

Mitteilungen der Alfred Klahr Gesellschaft, Nr. 4/2004

 

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