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Im Heimatkreis des Führers
Fast jährlich Ende April scheint das kleine Städtchen am Inn mit der
immergleichen Kurzmeldung in den Chronik-Teilen heimischer Tageszeitungen auf;
denn fast jedes Jahr um den 20. April kommt es zum immergleichen unappetitlichen
Hin und Her von Kundgebungen und Untersagung selbiger, wenn ansonsten
lichtscheue Gestalten ans Tageslicht kommen, um dem Geburtstag Adolf Hitlers in
seinem Geburtsort Braunau am Inn zu huldigen – immer, und während der letzten
Jahre erfreulicherweise immer entschiedener, zurückgewiesen von lokalen
antifaschistischen Initiativen.
Angesichts des aktuellen politischen Konfliktpotenzials dieses Erinnerungsortes
für Neonazis ist es umso erstaunlicher, dass bislang keine systematische
Untersuchung der lokalen Verhältnisse während der Zeit des Faschismus vorliegt.
Florian Schwanninger beseitigt dieses Manko nun in seiner vorliegenden
überarbeiteten und erweiterten Diplomarbeit. Weniger erstaunlich ist die
Tatsache des bisherigen Fehlens einer Arbeit zu Widerstand und Verfolgung im
Bezirk Braunau allerdings insofern, als sich – „während in den letzten
Jahrzehnten eine Fülle an Detailstudien zu allen möglichen Aspekten der
NS-Herrschaft veröffentlicht wurden“ – sich insgesamt „gerade auf dem Gebiet der
lokalgeschichtlichen Forschung, der so genannten Heimatgeschichte, große Lücken
diesen Zeitabschnitt betreffend feststellen“ lassen (283). Nicht unwesentlich
dürfte zu dieser mangelnden Auseinandersetzung mit konkreten lokalen Ereignissen
durch die „Heimatgeschichtsschreibung“ auch die Scheu beigetragen zu haben, in
bis heute offenen Wunden zu stochern: „Viele Opfer und Täter sowie Angehörige
lebten in denselben Orten und man ging und geht auch teilweise heute noch dieser
heiklen Thematik oftmals lieber aus dem Weg um keine Konflikte zu riskieren.“
Hinzu kommt in dörflichen Zusammenhängen, dass „bei vielen Menschen alte
Vorurteile und Ideologien aus der NS-Zeit weiterwirkten und die so genannten
‚KZler‘ bei Teilen der Bevölkerung über ein nicht sehr hohes Ansehen verfügten“
(283), was dem Autor zufolge das Interesse der Opfer an öffentlicher Darstellung
des Geschehenen gering hielt.
Der Autor knüpft nicht nur im Titel an die seit 1975 vom Dokumentationsarchiv
des österreichischen Widerstands herausgegebene Reihe zu „Widerstand und
Verfolgung“ in den einzelnen Bundesländern. Wie in diesen Standardwerken würdigt
Schwanninger sämtliche vom NS-Regime aus „rassischen“, politischen oder
weltanschaulichen Gründen verfolgten Gruppen und untersucht die entsprechenden
Formen des Widerstands, wobei die Darstellung mit der Wiedergabe zahlreicher
Dokumente (Fotos, Briefe, Opferlisten etc.) verknüpft wird. Neben dem
„katholisch-klerikalen Lager“ (57–91), dem „Widerstand der KPÖ und der
Arbeiterbewegung“ (93–143) und den Zeugen Jehovas (145–163) schenkt der Autor
auch der Verfolgung von Einzelnen durch die Sondergerichte besondere
Aufmerksamkeit und schildert detailliert Beispiele von aufgrund des „Heimtücke“-
oder „Rundfunkgesetzes“ verfolgten individuellen Widerstands- oder
oppositionellen Handlungen.
Entsprechend sowohl dem Ausmaß der Verfolgung wie auch dem Umfang der
Widerstandsaktivitäten nimmt das Kapitel zum „Widerstand der KPÖ und der
Arbeiterbewegung“ den größten Teil der Darstellung der aus politischen Motiven
Verfolgten ein (93–143). Schwanninger zeichnet die Geschichte der
Arbeiterbewegung in Oberösterreich seit ihren Anfängen nach, untersucht
Positionen und Strukturen der KPÖ vor und stellt schließlich die Arbeit der
illegalen Parteigruppen – die Fokussierung auf die KPÖ erfolgt nicht zuletzt
deshalb, „da sich ein organisierter Widerstand der RS [Revolutionären
Sozialisten; Anm.] im Bezirk Braunau laut den vorhandenen Quellen nicht
ausmachen lässt“ (93) – während der Zeit des Austrofaschismus und nach dem
deutschen Einmarsch dar.
Weitere Kapitel des Buches widmen sich der „Euthanasie“ sowie der Militärjustiz,
wobei der Autor auf die vor allem im erstgenannten Bereich prekäre Quellenlage
hinweist: die in den zentralen Quellenbeständen – v.a. Datenbestände aus
Hartheim – auffindbaren Opfer repräsentieren bei weitem nicht das ganze Ausmaß
der Euthanasie-Morde, da neben der so genannten „wilden Euthanasie“ nach dem
offiziellen Ende der Euthanasie-Aktion „T4“ kaum nachweisbare Tötungen
(„Kindereuthanasie“, Überdosierungen etc.) passierten, deren Opferzahlen sich
kaum mehr nachweisen lassen. Hinzu kommt die allgemeine schwierige Quellenlage
bei diesem Thema: „Es gelang den Tätern, einen Großteil der Beweise für die
Tötungen in Hartheim und Niedernhart verschwinden zu lassen. Nur sehr wenige
Dokumente blieben erhalten.“ (255)
Wie in allen Teilen des Buches beschränkt sich Schwanninger auch in den
abschließenden Ausführungen zur NS-Militärjustiz und ihrer Opfern im Bezirk
Braunau nicht auf die Aufzählung der aus den Akten erschlossenen Zahlen, sondern
skizziert in einer kurzen Einführung die Entwicklung der NS-Militärjustiz, die
Funktion derselben im NS-Vernichtungssystem sowie die zentralen
Begrifflichkeiten zu diesem Thema. Die Kombination von neuen, aus bisher
weitgehend unbearbeiteten Quellen erschlossenen Erkenntnissen mit
allgemeinenverständlichen Einführungen in die Thematik wie in die einzelnen
Kapitel macht das Buch für den Fachhistoriker wie für den interessierten Laien
interessant und lesbar.
Simon Loidl
Florian Schwanninger: Im Heimatkreis des Führers.
Nationalsozialismus, Widerstand und Verfolgung im Bezirk Braunau 1938–1945.
Grünbach: Edition Geschichte der Heimat 2005
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