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Georg Knepler: Macht ohne Herrschaft. Die Realisierung
einer Möglichkeit. Berlin: Kai Homilius Verlag 2004, 245 S., 25,50 Euro
Seit dem Niedergang der sozialistischen Länder Osteuropas in den Jahren
1989/91 hat sich in der westlichen Philosophie und den Sozialwissenschaften die
Haltung durchgesetzt, wonach mit dem Kapitalismus das Ende der Geschichte
erreicht sei. Nach herrschender Meinung ist damit auch ein Aufbegehren gegen
dieses System oder gar das Anstreben einer gesellschaftspolitischen Alternative
gleichermaßen sinn- wie aussichtslos.
Dennoch gibt es Menschen wie z.B. den kommunistischen Musikwissenschafter Georg
Knepler1, die sich mit dieser tristen Situation nicht abfinden wollen. Für ihn
war diese – vermeintlich – ausweglose Lage der Ausgangspunkt für die Frage nach
den Ursachen für den oben diagnostizierten Weltenzustand. Damit verbunden war
auch die Frage nach möglichen Auswegen aus der seitherigen, verheerenden
Entwicklung (wie z.B. der Irakkrieg 1991ff., Jugoslawienkrieg, etc.). Das
Ergebnis seiner Überlegungen hat nun sein langjähriger Mitarbeiter, Stefan Huth,
im Buch Macht ohne Herrschaft – Die Realisierung einer Möglichkeit
veröffentlicht. Dieser Titel, versehen mit einem Untertitel, dokumentiert, dass
hier, illusionslos, jede Geschichtsteleologie verabschiedet wurde: es geht um
die Realisierung einer Möglichkeit, nicht etwa um Gesetzmäßigkeiten, die der
Menschheit vorgegeben wären. Daraus spricht auch das Wissen, dass die jetzigen
Verhältnisse kein Endzustand sind, sondern dass es umsetzbare Alternativen gibt,
die eben nichts mit Utopien zu tun haben.
Es ist zugleich das politische wie theoretische Vermächtnis Georg Kneplers
geworden. Leider ist es ein Fragment geblieben. Als er, 96-jährig, am 14. Jänner
2003 starb, hinterließ er neben drei abgeschlossenen Kapiteln eine umfangreiche
Sammlung an Aufzeichnungen, Skizzen und Materialen.
Das Buch „Macht ohne Herrschaft“ ist nichts weniger als der groß angelegte
Versuch, den Ursachen für die barbarischen Verhältnisse, unter denen die
Menschheit heute lebt, theoretisch fundiert und in einer weiten geschichtlichen
Perspektive nachzugehen. Dabei sucht Knepler Ergebnisse und Erfahrungen der
weltweiten Kämpfe gegen Klassenherrschaft zusammenzufassen, unter systematischer
Einbeziehung wissenschaftlicher Erkenntnisse zur Menschheitsgeschichte.
Sein knappes Resultat: Seit dem Entstehen der Gattung Mensch gebe es „zweierlei
durchaus antagonistische Arten von Verhaltensweisen: kooperative und
konfrontative“. Raub, Krieg und Klassenherrschaft auf der einen, friedlicher
Austausch und Kommunikation auf der anderen Seite verfestigten sich im Laufe
Hunderttausender Jahre. In den letzten 250 Jahren haben neue Faktoren diesen
Antagonismus verschärft, der weitreichendste war sicher die Einsicht, dass
Menschen von Natur aus nicht gleich, aber gleichberechtigt seien. Kronzeugen
sind Karl Marx und Charles Darwin. In den ersten Kapiteln, die ihnen und ihrer
Stellung in der Wissenschaftsgeschichte gewidmet sind, lässt sich erahnen,
welche Enzyklopädie der Geistesgeschichte „von unten“ aus Kneplers Werk hätte
werden können. Es ist wahrhaft kein konventionelles Bild von Marx und seiner
Theorie, das der Autor entwirft. Aber gerade dadurch eröffnet er neue,
verblüffende und gerade deshalb anregende Sichtweisen auf Dinge, von denen viele
glaubten, über sie weiter nicht nachdenken zu müssen.
Faszinierend ist auch Kneplers klare Darstellungsweise, stark angelehnt, wie
Herausgeber Stefan Huth einleitend schreibt, „an die angelsächsische
Wissenschaftstradition“. Die Zusammenstellung der Materialfragmente im zweiten
Teil des Bandes und sein umfangreicher Apparat bestätigen, dass es sich um eine
außergewöhnliche Edition handelt. Man kann auch von einer wissenschaftlichen
Sensation sprechen.
Alexander Dinböck
1/ Georg Knepler, geboren am 21. Dezember 1906, gestorben am 14. Jänner 2003;
Musikwissenschafter und Historiker, studierte in Wien Musikwissenschaft u.a. bei
Guido Adler und Egon Wellesz, Klavier bei Eduard Steuermann und Komposition bei
Hans Gal. Promotion 1932 mit einer Arbeit über Johannes Brahms. Zeitweise
Klavierbegleiter von Karl Kraus bei dessen „Offenbach-Vorlesungen“, 1932/33
Zusammenarbeit mit Bertolt Brecht, Helene Weigel und Hanns Eisler in Berlin.
1934 Mitglied der KPÖ. Während des Nazi-Faschismus 1938–1945 Exil als politisch
und rassisch Verfolgter in London. Beim österreichischen Emigrantentheater „Laterndl“
hatte er eine leitende Funktion inne. 1946 Rückkehr nach Österreich,
Parteiarbeit für die KPÖ. 1949 Übersiedlung nach Berlin/DDR. 1950–1960 Rektor
der von ihm gegründeten Hochschule für Musik in Berlin, danach Direktor des
Musikwissenschaftlichen Instituts der Humboldt-Universität (seit 1965:
Ordinarius), 1970 Emeritierung. 1959–1982 Chefredakteur der Vierteljahresschrift
Beiträge zur Musikwissenschaft, seit 1962 Korrespondierendes, seit 1964
Ordentliches Mitglied der Akademie der Wissenschaften der DDR für die Disziplin
Musikwissenschaft.
Veröffentlichungen: Musikgeschichte des 19. Jahrhunderts, (1961, 2 Bde.),
Geschichte als Weg zum Musikverständnis (1977), Karl Kraus liest Offenbach
(1984), Wolfgang Amade Mozart. Annäherungen (1991) und vieles anderes mehr.
Mitteilungen der Alfred Klahr Gesellschaft, Nr. 2/2005
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